Kultur unter Laternen

– DER Gladbacher Kulturmob

Am vergangenen verkaufsoffenen Sonntag, den 08.12.2013, wurde das Thema Konsum
mal aus einer ganz anderen Perspektive „beleuchtet“.
Unter den Laternen der gut besuchten Shoppingmeile auf der Hindenburgstraße haben
Studenten, Vereine, Straßenkünstler, soziokulturelle Gruppierungen und viele andere
deutlich gemacht: Die Stadt braucht nicht nur Konsum ‒ sie braucht auch mehr Kultur!
Da fesselt sich eine Frau mit Frischhaltefolie an eine Laterne: Der allgegenwärtige
„Frische“-Wahn der Konsum-Werbung macht Menschen zu wehrlosen Objekten des
Kommerz (Lebensmittel frisch aus dem Chemiebaukasten …). Ebenso wie den Mann, der
ständig mit dem sprichwörtlichen Hamsterrad beschäftigt ist, das Fortschritt suggeriert und
einen doch nur auf der Stelle treten lasst. Da geben sich Menschen der Zerstreuung hin,
blicken durch allerlei bunte Brillen auf Konsumgüter, um die Tristesse des Konsumierens
zu verdrängen. Dem gegenüber betreiben zwei blau bebrillte Männer Zen-Meditation – ein
Gegenentwurf zur Zerstreuung. Ein grotesker japanischer Tanz, der sich mit Krankheit und
Sterben beschäftigt, lasst ahnen, dass alles Konsumieren der Endlichkeit des Lebens
nichts entgegenzusetzen hat. Ein mit Kreide auf den Gehweg gemaltes Labyrinth
ignorieren einige Passanten, andere machen einen Bogen darum, etliche aber gehen doch
tatsächlich seine Wege und Irrwege ab – stellen sich also symbolisch den Fragen, die das
Leben aufwirft, anstatt ihnen auszuweichen.
Den Anstoß zu der Idee, die einzelnen Aktionen unter Laternen anzusiedeln, hatte eine
Fotografie gegeben, die lesende Afrikaner unter Laternen zeigt: Die Errungenschaften der
Moderne ‒ hier das elektrische Licht ‒ erlauben in armen Ländern mehr kulturelle Bildung,
und die wiederum dient der sinnvollen, konstruktiven Entwicklung eines ganzen Landes.
Kulturelle Bildung, das sollte der „Kulturmob“ demonstrieren, tut auch Mönchengladbach
gut, das durchaus nicht grau und langweilig sein muss. Der oft einseitig kommerziell
geprägte öffentliche Raum kann mehr bieten, wenn die hier lebenden Menschen sich zu
kulturellem Handeln entschließen: Kulturelle Anstöße können neue Perspektiven eröffnen
und neue Hoffnung geben.
Im Gegensatz zu einem „Flashmob“, der meist nicht über den Selbstzweck hinausgelangt,
öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, konnte der „Kulturmob“ zeigen, welche oft
unbeachteten künstlerischen, gesellschaftskritischen Potenziale in der Stadt schlummern.
Zweck des Projekts war es, der Kultur Beachtung im öffentlichen Raum zu schenken,
bestimmte Gruppen bekannter zu machen und eine öffentliche Diskussion über Sinn und
Zweck von Kultur zu entfachen.
Der „Kulturmob“ half den vielen vereinzelten, abseits der großen Öffentlichkeit agierenden
Kulturaktivisten und denen, die es gerne werden wollen, sich miteinander bekannt zu
machen und sich untereinander zu vernetzen. Er wollte dazu beitragen, dass sich eine
handlungsfähige, kulturinteressierte und demokratische Öffentlichkeit formiert. Schließlich
wollte er diejenigen verunsichern, deren Wahlspruch lautet: Wir können ja sowieso nichts
andern. O-Ton: „Die haben doch nur Langeweile. Wer stellt sich denn an einem
Sonntagnachmittag schon freiwillig in die Kalte?“
Na ja: „Die Tatsache, dass Menschen sich wirklich ein klein bisschen Zeit genommen
haben, um stehen zu bleiben, und wenn es nur dieser klitzekleine Augenblick war“ zeigte
doch, dass das freiwillige In-der-Kalte-Stehen sich gelohnt hat. Das meint eine
Teilnehmerin.

„Kultur unter Laternen“, von Constanze Gottwald im Verein „freeflow“ und Angelika Egle im
Verein „Kulturkram“ maßgeblich konzipiert und organisiert, fand in Partnerschaft mit dem
Studiengang Kulturpädagogik der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach statt,
betreut von den Dozenten Ulla Heinrich und Henning Puppe.